Zur Geschichte des Heimgarten
Aarau
Seit dem 1. April 1932
im Dienste von Frauen mit Beeinträchtigungen
In den frühen Dreissigerjahren des vorigen
Jahrhunderts gab es im Aargau von staatlicher Seite
nur wenig Fürsorgestellen, die Rat erteilen
und Hilfe anbieten konnten. Die Aargauische Evangelische
Frauenhilfe bat deshalb den reformierten Kirchenrat
um Unterstützung bei der Schaffung eines Zufluchtshauses.
Der Kirchenrat konnte rasch von der Notwendigkeit
eines solchen Heimes überzeugt werden und sagte
seine Unterstützung zu. Der Grundgedanke war, «den
Frauen Rückhalt und Geborgenheit bieten, damit
sie neuen Lebensmut schöpfen, um nach einer Übergangsphase
ihr Schicksal wieder selbständig zu meistern».
Im November 1931 traf sich
die vom Kirchenrat gewählte
Kommission zur konstituierenden Sitzung in der Helvetia,
Aarau – heute Hotel Goldige Öpfel. Das
Zufluchtshaus sollte in Aarau stehen. Ein geeignetes
Haus sollte gemietet werden. Die Frauenhilfe erbot
sich, eine einheitliche Möblierung zur Verfügung
zustellen. So bald wie möglich sollte jedoch
eine eigene Liegenschaft erworben werden. Ein kurzer
Text wurde in der Zeitung veröffentlicht, um
die Bevölkerung auf das Zufluchtshaus aufmerksam
zu machen.
Ein geeignetes Haus fand
sich an der Herzogstrasse 27 in Aarau. Es bot Platz
für 15 Personen und
befand sich in der Nähe des Bahnhofs. Das war
wichtig, da ein Grossteil der Unterkunft suchenden
Mädchen und Frauen mit dem Zug nach Aarau reisten.
Am 1. April 1932 wurde das «Evangelische Zufluchtshaus
zum Heimgarten» mit einer schlichten Feier
eröffnet.

Das zweite Haus des Heimgarten Aarau an der Konradstrasse
11 von 1938 bis 1970
Vom Evangelischen Zufluchtshaus
zum international zertifizierten Haus für Frauen
Die Belegung des Zufluchtshauses
an der Herzogstrasse 27 in Aarau zeigte, dass das
Heim einem echten Bedürfnis
entsprach. Die Hauskommission setzte ihre in der
konstituierenden Sitzung festgehaltene Absicht um
und kaufte per 1. Juli 1938 das Zschokke-Haus an
der Konradstrasse 11. Der Umzug fand im September
des selben Jahres statt. Nun konnten 26 bis 30 Frauen
aufgenommen werden. 1958 wurde das «Evangelische
Zufluchtshaus zum Heimgarten» in «Heimgarten,
evangelisches Haus für Frauen und Töchter» umbenannt.
In den 60er Jahren fasste
man einen grösseren
Umbau ins Auge. Das Haus verfügte nur über
eine Badewanne und einen Boiler. Die grossen Schlafräume
mit bis zu fünf Betten verursachten viel Streit
unter den Frauen. Es fehlten genügend Arbeits-
und Aufenthaltsräume. Es stellte sich heraus,
dass ein Neubau eine befriedigende Lösung bringen
würde, wobei der familiäre Charakter des
Heims beibehalten werden sollte. Die Synode beschloss
1968 den Neubau.
Der Neubau entstand im östlichen Teil des eigenen
Grundstücks. Nach seiner Fertigstellung 1970
und dem Umzug – von Haus zu Haus – wurde
das alte Gebäude abgerissen und an seiner Stelle
eine Garage sowie ein gedeckter Vorplatz gebaut und
ein Garten angelegt. Das neue Haus bot nun 27 Frauen
jeden Alters Platz in 15 Einerzimmern, einem Ferienzimmer
und vier Dreierzimmern.
1996 wurde der Neubau eines
Werkpavillons in Angriff genommen. Dank sorgfältiger Planung war er in
Rekordzeit einsatzbereit. Gleichzeitig erfolgte im
Haupthaus der Einbau eines Lifts. Die nötigen
Anpassungen bezüglich Brandschutzauflagen wurden
ebenfalls vorgenommen.
Seit der Jahrtausendwende
hat die Institution ein einheitliches Erscheinungsbild
und heisst «Heimgarten
Aarau, Haus für Frauen». Zu den jährlichen
Höhepunkten Oster- und Weihnachtsbrunch gehören
seit fünf Jahren auch die von den Bewohnerinnen
bestrittenen Theateraufführungen. Der Heimgarten
Aarau ist auch über das Internet mit der ganzen
Welt verbunden. Unter www.heimgarten-aarau.ch können
Interessierte das Haus für Frauen auch virtuell
besuchen.
Der Heimgarten Aarau, das
Haus für Frauen,
gehört zu den ersten sozialen Institutionen
ihrer Art, die seit 2001 eine internationale Zertifizierung
vorweisen. Die Schweizerische Vereinigung für
Qualitäts- und Management-Systeme (SQS) bescheinigt
dem Heimgarten Aarau ein zweckmässiges Management-System,
das die Anforderungen der internationalen Norm für
Qualitäts-Management und Qualitäts-Sicherung
(ISO 9001:2000) sowie die qualitativen Bedingungen
des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV-IV
2000) erfüllt.

1970: Das alte Haus (links) und der Neubau des Heimgarten
Aarau an der Konradstrasse 11
1709 Frauen haben bis heute
die Dienstleistungen beansprucht
In den Jahren nach seiner
Gründung war der
Heimgarten ein Durchgangsheim für stellenlose
Hausangestellte, Strafentlassene, Erholungsbedürftige,
Obdachlose, Frauen während der Scheidung, sittlich
verwahrloste Mädchen, ledige Mütter sowie
vom Alkohol abhängige Frauen. Während des
Krieges bot das Zufluchtshaus auch Auslandschweizerinnen
Unterschlupf.
Mit der Zeit fanden immer
mehr geistig behinderte oder psychisch belastete
Frauen ein Zuhause in der grossen Familiengemeinschaft;
das Heim hatte sich den Bedürfnissen angepasst. Das zeigt beispielsweise
auch ein Vergleich der Bewohnerinnenstatistik der
Jahre 1936 und 1943. 1936 kamen zwei Drittel der
Aufgenommenen freiwillig – die Hälfte
von ihnen befand sich auf der Suche nach einer neuen
Stelle –, ein Drittel wurde von Behörden
und Fürsorgeinstitutionen eingewiesen. 1943
hingegen wurde über die Hälfte der Aufgenommenen
durch Behörden und Fürsorgeinstitutionen
eingewiesen und nur noch ein Zehntel war auf Stellensuche.
War das Heim voll belegt, bemühte sich die Heimleitung
um eine geeignete Unterkunft, sie vermittelte Adressen
von Gaststätten oder telephonierte für
eine Übernachtungsmöglichkeit. Die Konfessionszugehörigkeit
spielte bei der Aufnahme nie eine Rolle.
Aus dem Durchgangsheim wurde
mit der Zeit ein Dauerheim. Den Bewohnerinnen,
die auf Grund ihrer psychosozialen Beeinträchtigungen eine ganztägige Begleitung
benötigen, bietet der Heimgarten Aarau in familiärem
Rahmen Unterkunft und Verpflegung. Bis Mitte 2007
haben 1709 Frauen die Dienstleistungen des Heimgarten
Aarau genutzt.

Impression vom Theater im Heimgarten 2007: Wilhelm
Tell
Die ehrenamtliche Kommission
Die Mitglieder der Heimgarten-Kommission werden
vom Kirchenrat gewählt, der auch einen Vertreter
delegiert. In der Kommission gab es Mitglieder, die
sich über Jahrzehnte für den Heimgarten
einsetzten. Lange Zeit waren der Präsident und
der Vertreter des Kirchenrates Pfarrherren, der Kassier
ein Beamter und die Frauen setzten sich aus der Präsidentin
und Mitgliedern des Verbands Frauenhilfe, Sektion
Aargau zusammen. Eine Frau führte über
20 Jahre lang das Protokoll. Die Pfarrherren wurden,
wie zu dieser Zeit üblich, immer mit ihrem Titel
und die Frauen mit dem ihres Mannes erwähnt.
Kontinuität über Jahre,
geprägt von den Heimleiterinnen
Am Erfolg des Heimgarten Aarau haben die Heimleiterinnen
grossen Anteil. Mehr als eine der Frauen stand dem
Haus während Jahrzehnten vor. Auch wenn jede
Leiterin das Heim auf ihre Art prägte, gab und
gibt es eine Kontinuität: Die Atmosphäre,
die ethische Grundhaltung, das Gebet vor dem Essen
und jede Bewohnerin wird als spezielle Persönlichkeit
geachtet. Der Heimgarten Aarau ist ein offenes Haus,
in dem sich alle wohl fühlen. Die jetzige Heimleiterin
leitet den Heimgarten Aarau seit 20 Jahren.
Betreuung erfordert
kompetentes Mitarbeiterteam
Zu Beginn bewältigte die Hausmutter die Arbeit
zusammen mit einer Gehilfin. Seit den frühen
40er Jahren wurden Praktikantinnen der Sozialen Frauenschulen
aufgenommen. 1945 wurde eine zweite Gehilfin angestellt.
Nach und nach vergrösserte sich der Personalbestand.
So gab es seit den frühen 60er Jahren vier Angestellte.
Heute umfasst das Mitarbeiterteam des Heimgarten
Aarau acht Stellen. Die jetzigen Bewohnerinnen benötigen
mehr Betreuung als jene der früheren Jahre.

Vision des Heimgarten Aarau an der Konradstrasse
11
Zurück nach
oben
|